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Montag, 31. Januar 2011

DIE WOLFSSCHANZE

WOLFSSCHANZE
Gabriele Brunsch
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DIE WOLFSSCHANZE


...nicht bei der Anreise im Bus, die sich über Stunden von Danzig kommend träge dahinschleppt, nein, erst gegen Ende des Spaziergangs durch die verschlammten Trampelpfade in einer Bewaldung, die einem vernachlässigten Vorstadtpark gleicht, beginnt mir meine schlechte Vorbereitung, meine Ahnungslosigkeit, wie ein übelriechender Spüllappen durch das Bewusstsein zu wischen.
Dies soll die Wolfsschanze sein, der Ort an dem sich Hitler drei Jahre lang einnistete: Unbezwingbar, unentdeckt, ein magisches Machtzentrum. Der geheimnisumwobene Lebensraum seiner todesschwangeren tyrannischen Gewaltherrschaft. Hatte meine Erinnerung diesen Platz nicht irgendwo in Brandenburg gespeichert, tief in den moorigen Waldgründen nördlich von Berlin? Zwischen den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen. Dort, wo sich das Grauen letztlich gebündelt hatte, zumindest in meiner Fantasie.

Wer sich einem solchen Ort nähert, sollte präpariert sein, damit sich das aus der unheimlichen Vergangenheit heraufwabernde Geflecht aus historischen Daten, Bildern und Fakten unmittelbar zu ahnungsvoller Beklommenheit verdichten kann. Jeder Schritt sollte bleiern beschwert sein von den Hassstürmen und Verwünschungen, die den Platz heimsuchen.
Doch nichts ist spürbar, keine dunkle Befremdlichkeit beschleicht mich, kein dumpfes Flüstern, das den Fluch bis in die Seele spürbar macht. Nichts. Kaum eine Stunde stolpere ich über Baumwurzeln, nehme ich überwucherte Betongiganten im Gehölz wahr, taste ich mich mit der heiter plaudernden Gruppe durch kurze Höhlengänge, hindurch zwischen planlos zerwürfelten Bunkerwänden. Der Eindruck, die Wanderung hin zu einer handvoll Bunkerresten und einer Kasinoruine sei ein Missverständnis in der Organisation, macht sich breit. Aber nein, dies ist doch eigentlich das Ziel der Reise gewesen.   Scham.  
   
Ein örtlicher Historiker führt uns. Graumeliert sein Haar, olivefarbene fahle Haut und fahle Augen, nicht der große, blonde, blauäugige Pole mit der freundlichen Zurückhaltung. Ich erfahre nur Dinge, die mir allesamt bekannt sind, deren historische Brisanz ich allerdings mit diesem sonderbaren Waldstück, kurz vor der ehemals litauischen Grenze, nicht in Einklang bringen kann. Die Trostlosigkeit des Ortes mag auf diesen Mann abgefärbt haben. Im Stakkato tut er kund, dass man wohl mindestens zwei Wochen benötige um diesen Platz zu besichtigen, um die Zusammenhänge zu verstehen, aber so lange wolle sich niemand Zeit nehmen, das wisse er. Diese Erkenntnis und die vielleicht tausendfach aufgefalteten müden Gesichter mögen ihn restlos desillusioniert haben, denke ich, und nun vollzieht er die Führung wie eine Art Flucht vor seinem eigenen Entschluss sich dieser Sache angenommen zu haben. Er hat ein Buch verfasst, hin und wieder hält er es hoch und deutet auf ein besonderes Detail auf Seite Soundso. Doch wie die ausgedehnte Bunkeranlage hinter Wald und Bäumen verborgen bleibt, so vage erweisen sich die Bilder auf den rasch wieder zusammengeklappten Buchseiten. Angestrengt lausche ich seinen quäkend gezischten zynischen Witzen, deren Pointen er mit süßlichem Lächeln ausspuckt. Nur die ganz  nah bei ihm Stehenden können sie hören. Ob sie verstanden werden ist schwer zu sagen. Ohne eine Reaktion abzuwarten macht er sich sofort mit eiligen Schritten auf den Weg. Es gibt wirklich nicht viel zu sehen, lacht er. Aber Goldsucher hätten überall Löcher tief in den Waldboden hineingegraben, man habe sogar den Asphalt der Wege abgetragen, weil darunter Schätze vermutet wurden, das Zimmer aus Bernstein vielleicht, aber ohne Ergebnis, wie man weiß.
Anfänglich seien mehr als zwanzigtausend Menschen irgendwie mit diesem Hort der absoluten Sicherheit in den Jahren 1940 bis 1944 beschäftigt gewesen, alles streng geheim, immerhin an die 100 größere Gebäude seien es gewesen, kleine Dörfer in Sperrzonen. Hier Hitlers persönlicher Bunker, der größte. Dort irgendwo der von Göring. Ein Arsenal an SS-Einheiten, NSDAP-Größen, Wachpersonal und Kontrolleuren, die das Gebiet rundum zur sicheren Zone machten. Dazu Architekten, Ingenieure, ihre Büros, Bautrupps, die Versorgungseinheiten, Heizanlagen, Stromversorgung, Küchen, Badestuben, Saunen, das dazugehörende Personal, Putzkolonnen, Wäschereien. Eine Bahnlinie direkt nach Berlin, zwei Flughäfen, eine Telefonleitung. Das alles im Verborgenen, denn man hatte je nach Jahreszeit Lichtschutzplanen über die Wege und Häuser gespannt um sich gegen das Ausspähen von feindlichen Flugobjekten zu schützen: Sommers wie winters Schattenwelten.
Wie ist wohl die Stimmung des großen Führers, wenn er sich in diesem geschlossenen Areal, einer männlichverklärten von unschuldigem Kinder- und Frauenlachen gesäuberten Zone, mit straffer Körperhaltung von hier nach da begibt? Was fühlt er in künstlichem Licht unter meterdicken Mauern, wenn er nur seinem eigenen Atem ausgesetzt ist und seinem eigenen Schweißgeruch, während sich seine Soldaten von seiner Radiostimme angestachelt, einer rohen, alles lebendige verschlingenden Gefahr aussetzen. Wie nimmt er denn von hier die Außenwelt wahr? Wie Land und Städte? Wie die Menschen? Wie seine Soldaten? Sind sie für ihn nicht seelenlose Schablonen, formlose Feldfiguren, die er mit einer eleganten Geste auf einem Spielbrett zwischen den Planquadraten herumschiebt, Sprachen, Grenzen, Kulturen missachtend, um sie dann und wann wütend in die Ecke zu fetzen, wenn ihm die Nachricht von einer neuerlichen Niederlage ins Gedärm zischt und sich der Jähzorn beim Losschreien in Spuckesalven entlädt.

Zu allem Überfluss drangsalieren uns Hunderte von winzigen Stechmücken. Eine sonderbare Ironie. Nicht die grauenerregenden Informationen sind es, die uns schmerzen, nein, die Mücken sind es, die sich auf Handrücken, Stirn und Hals setzen und gnadenlos stechen. Ob die wohl damals auch hier waren? Vielleicht ließ der Führer ja Pestizide über dem Wald versprühen, sagt einer lachend, dass sie mit Gas umgehen konnten, haben sie ja hinlänglich bewiesen. Räuspern. Der Historiker prahlt, er habe ein Mückenspray.  Er führt uns zielsicher auf sein Auto zu, dessen Heckklappe er schwungvoll öffnet. Mein Blick fällt auf mehrere Stapel seines Buches, das er zum Verkauf anbietet. Im Hintergrund steht ein abgelebter Bau mit einem verlassenen Café und schickt den spitzen Geruch eines Pissoirs herüber.   Das stehe ich noch durch.

...jetzt bei der Rückreise im Bus, die sich über Stunden bis Stettin träge dahinschleppt, ja, jetzt, unter den düstersten Regenwolken und der vorbeihuschenden malerischen Masurenlandschaft, beginnt mir meine schlechte Vorbereitung, meine beschämende Planlosigkeit, wie ein fetter, unverdaulicher Fraß übel gegen die Magenwände zu stoßen. Dort ist die Wolfsschanze,  der Ort an dem sich Hitler drei Jahre lang einnistete. Unbezwingbar, unentdeckt, das magische Machtzentrum. Der geheimnisumwobene Lebensraum seiner todes-schwangeren tyrannischen Gewaltherrschaft. Der Ort, wo sich einst all das Grauen bündelte. Dort ist jetzt das verbliebene Substrat seines tausendjährigen Reiches: Eine Ansammlung hässlicher Betonkolossreste, Wohnstatt eines pervers Paranoiden und seiner entmenschlichten Gefolgschaft.
Wer Angst säht, wird Angst ernten.

Er hatte Orkane von Angst verbreitet, unter Millionen von Feinden und Freunden, und hatte, bereits lange bevor der Ausgang seiner angezettelten Stürme sichtbar wurde, begonnen dieses Refugium für sich zu bauen. Die riesenhaften Betonmauern waren bleierne, stille Gruften,  tot für die Schmerzensschreie der Welt. Schmerzensschreie gab es dort im Nordosten Polens und dem annektierten Litauen mehr als anderswo, weil die Säuberungsaktionen hier landauf landab ganze Dörfer dahinmetzelten, Männer, Frauen und Kinder gar nicht erst abtransportierten, sondern direkt in die Grube stießen.
Hieran sehe ich die ganze Perversität dieser Herrschertruppe  erneut auf den Punkt gebracht: Tief im Inneren waren sie sich ihrer Abartigkeit, ihrer widerwärtigen, verqueren Monstrosität bewusst und fügten das Verkriechen in die Unsichtbarkeit von Anfang an in ihre Planung mit ein. Als ahnten sie im Voraus, dass sie sich so weit an der Welt vergangen hatten und noch vergehen würden, dass sie sich sogar vor sich selbst würden verbergen müssen in einer fensterlosen, von Myriaden von Minen und Schutzwällen verbarrikadierten kalten Welt aus kahlen, glatten, bis zu acht Meter dicken, von Stahlstreben verstärkten Betonplatten. Welch Lebensart! Welch Ästhetik! Welch Mentalität! Den Kopf einziehen und sich verkriechen, weitab von den Schreien und dem elenden Dahinsiechen der Sterbenden. Doch auch beseelt von der schizophrenen Vorstellung, dass man sich verbergen könnte, weil doch die unzähligen Blätter des Waldes, die echten und die unechten, symbolhaft für heldenhafte Unverletzbarkeit stehen, für tausend Jahre und ein Leben...  
2010

Samstag, 29. Januar 2011

...one of his most beautiful songs...

...sieben jahre mussten vergehen, bis ich endlich die kraft habe die lieder meines sohnes WOLFGANG-IMRE erneut einem publikum vorzustellen...

indem sie es hören, wird die erinnerung an ihn wach bleiben, seine tiefe, seine weitsicht, seine zartheit, seine stärke....

die hohen seufzer sollten den "GESANG DER WALE" nachempfinden, sagte er mir, als er mir das lied schenkte...




Mittwoch, 26. Januar 2011

...entkommen

...entkommen
(für miroslav dušanić)



ich höre sie,
die schritte der zeit,
auf den stiegen,
manchmal lauter,
ein andermal leiser...
gemächlich-langsam,
humpelnd-träge,
leichtfüßig-springend,
dann sind es tänzelnde hopser,
die mich narren –

.
sie bringen mir spiegel,
zersplitterte scherben
vergangenheitsfetzen
filmschnittsequenzen
grell-düster, wild-durchpulst,
hastig wechselnd – bildsplitter
von den gelebten stunden.

.
die lege ich mir auf den leib
und spüre ihre kälte aus eis
auf meiner weißen haut.
dann öffne ich das fenster...
und im blau des himmels
bin ich final
erinnerungsleer,
ein wesen aus licht…

.

Dienstag, 25. Januar 2011

...in eisiger kälte...






in eisiger kälte

entflieht die sonne

der weiß-blauen welt...


.

Donnerstag, 20. Januar 2011

...ankunft in wien...






...bin in wien angekommen, bei der nacht. es ist bitterkalt, frost durchzieht mich, ich fühle mich elend und verloren. vom bahnhof fahre ich mit dem taxi nach "hietzing", da ist die wohnung meiner verwandten, am XXXplatz, wenige meter neben dem EKZ solle ich nur den durchgang nehmen und dann geradeaus, etwa hundert meter auf der rechten seite, ich könne es nicht verfehlen.
der taxifahrer hat mich wortlos abgesetzt.
nun stehe ich da mit klopfendem herzen und einer erwartungsvollen spannung.  meine einzige verwandte in wien ist gestorben, am kommenden tag wird die beerdigung sein. mir ist etwas übel, ich habe hunger und durst und fühle mich benommen, alles ist ein wenig viel mit einem mal, denke ich, und ich frage mich erneut, ob es wirklich so eine gute idee war hier her zu fahren. aber, die letzte ehre, sie ist es doch, die ich ihr entgegen bringen will. wenn wir schon im leben keinen kontakt hatten, so will ich ihr doch im tode wenigstens zeigen, dass meine einst kindliche verehrung für die in der ferne langsam immer fremder gewordene freundin, trotzdem unvermindert bestand gehabt hatte.
gleich werde ich die verwandten treffen, die alle von weit her gereist sind, die ich jedoch schon viel zu lange nicht gesehen habe um auch nur einen hauch an vertrautheit oder so etwas wie wiedersehensfreude zu empfinden...
ich weiß, ich fürchte mich. auch die umstände des todes sind so traurig, dass man weinen könnte. so halte ich die tränen mühsam zurück und versuche auch meinen atem im zaum zu halten.
mein gepäck besteht aus einem winzigen reisekoffer und einer handtasche.
 ich stehe im kegel künstlicher lichter mitten auf dem platz und drehe mich im kreis - ich bin seit meiner kindheit nicht mehr in wien gewesen, nur noch als durchreisende mit dem zug in richtung pressburg oder budapest. aus irgendwelchen gründen hat es sich einfach nicht ergeben die plätze und menschen meiner kindheit wieder aufzusuchen. unsere leben waren auseinander gedriftet und an verschiedenen orten weitergegangen ohne wieder bezug zu einander zu nehmen.
nun drehe ich mich an diesem platz mitten in hietzing herum und lausche in die stadtgeräusche hinein, tief in mir rauscht aber immer noch das rhythmische monotone brummen des zuges. den letzten teil der reise habe ich tief geschlafen und irgendwie ist die unsicherheit in meinem körper immer noch so, als sei ich aus diesem schlaf noch nicht wirklich aufgewacht...
wo gehe ich jetzt hin. wie finde ich meinen weg. meine knie zittern. ah, da ist ein gasthaus, da werde ich hineingehen, mich ein wenig beruhigen, ich werde mir eine kleinigkeit zu essen und zu trinken bestellen und dabei nach dem weg fragen. so werde ich kraft tanken und nicht so verhungert bei den verwandten hineinschneien, die, wer mag es wissen, vielleicht sogar nur noch eine notwache für die späten gäste eingerichtet haben. was weiß ich schon.
ich überquere den platz und steige die treppe hinauf zum lokal. die meisten tische sind besetzt, es herrscht eine angeregte atmosphäre. als ich mich an der bar niederlasse, kommt auch gleich der kellner und nimmt meine bestellung auf. leider gibt es nichts mehr zu essen, da sei ich viel zu spät dran, sagt er, aber zu trinken könne ich schon etwas haben. natürlich, einen wein, ein bier, was immer ich wolle. während ich nachdenke, beginnen drei männer, die auch an der bar sitzen, meine nachdenklichkeit zu diskutieren.
ja, das ist ja wohl net so schwer, sich zu entscheiden, was man trinken wolle, aber an der stimme hätten sie ja sowieso schon gleich gemerkt, dass ich fremd sei, aus deutschland.
es geht eine sonderbare diskussion los. ich lächle etwas unbeholfen in ihre richtung, tue aber ansonsten nichts, was sie einladen könnte weiter mit mir reden zu wollen. mir ist nicht nach kontaktaufnahme. ich nehme mir vor die herren zu ignorieren. ich bestelle ein bier. ah, ein bier bestellt sie, na so was, das hätte er jetzt nicht gedacht, sagt der eine, er hätte auf wein getippt, aber das sei ja wieder typisch, vom guten wein aus dem schönen oberösterreich hätten die deutschen natürlich keine ahnung.... und auch jetzt spricht er laut und deutlich, auch die leute an den ersten tischen um uns herum blicken her, schauen auf mein bier und auf mich, auf meine reisetasche und es scheint so, als sei sein kommentar etwas, was so durchaus üblich ist. ich nippe verlegen an meinem bier.
schmeckt wohl nicht, sagt der eine, hab ich gleich gesagt, das schmeckt ihr nicht, hätt sie doch wein trinken sollen. kommt in der nacht ins lokal und kriegt das maul nicht auf. na arrogant ist sie wohl gar nicht.
so geht es weiter. meine verunsicherung nimmt zu, das zittern meiner knie hat sich auch verstärkt, der alkohol schießt mir in den kopf und ich bin mir sicher, dass ich dieses bier nicht austrinken werde. ich werde mich lieber gleich wieder auf den weg machen. auch mein wunsch jetzt schon zu zahlen wird heftig zur kenntnis genommen. er hätte doch gedacht, dass ich noch ein wenig bliebe, aber ich kriege ja kaum die zähne auseinander, da können sie auch ganz gut auf mich verzichten... ich denke ich höre nicht recht. was habe ich ihnen denn getan, was an mir, an meiner eleganten, schwarzen winterkleidung gibt anlass, mich so zum objekt ihres spottes hinzubiegen. ich lächle unsicher, steige von meinem barhocker runter, nehme mein gepäck, knöpfe meine jacke zu und will gehen. da wende ich mich schnell noch einmal dem kellner zu und schiebe ihm meinen kleinen plan hin. Leise bitte ich ihn mir zu sagen, was denn unter EKZ zu verstehen sei. der platz hier sei schon richtig, aber ich muss ja am EKZ vorbei und ... 
doch weiter komme ich nicht mehr. der mann, der auch vorher immer am lautesten war, schreit mit einem so einladenden ton los, dass das ganze lokal ohne umschweife den kopf in meine richtung wendet: „d i e   weiß ja nicht einmal was ein EKZ ist.  E K Z!!! na so blöd kann ja jetzt wohl niemand sein, ja, kommt die vom mond?“ die gäste im lokal lachen, sie lachen laut. mir steigt das blut in den kopf. der kellner deutet durch das große fenster auf die andere straßenseite, wo in riesigen lettern die buchstabenkombination  E K Z   über einem schaufenster prangt und lächelt etwas verlegen. als ich mit glühenden wangen völlig aufgelöst aus dem lokal stolpere, höre ich noch, wie sich das lachen der drei an der bar mit der allgemein gehobenen stimmung im lokal mischt und ich kann immer noch die worte dummheit, arroganz und mond deutlich heraushören.
auf der anderen straßenseite merke ich dann, dass EKZ eine abkürzung für einkaufszentrum ist und dass ich eigentlich wirklich nur wenige meter vom ziel entfernt bin. da ist unter einer laterne eine kleine bank, auf diese setze ich mich schnell und versuche mich erneut zu beruhigen. das ist also der auftakt zu einem ohnehin schon unseligen ereignis in wien, der stadt, die ich mir immer wie ein traumziel, wie etwas ganz besonders wertvolles aufgespart hatte...
alles kommt anders als man denkt.
was wird noch kommen, später, ich mag es gar nicht durchdenken. ich schließe meine augen und bleibe eine ganze weile auf dieser bank sitzen. viel zu lange. als ich heftig zu frieren beginne, spüre ich, dass meine knie nicht mehr zittern, auch meine wangen glühen nicht mehr, aber ein gefühl der absoluten lustlosigkeit hat sich in mir ausgebreitet und nur die tatsache, dass ich zu einem eisblock frieren würde, wenn ich weiter sitzen bliebe, zwingt mich die augen zu öffnen und um mich zu schauen. während ich da sitze, hat es zu schneien begonnen und ein zarter weißer schleier liegt jetzt über gehsteig und asphalt. die flocken fallen wilder.
langsam stehe ich auf, ich bin ganz steif. kein fußabdruck stört die makellose reinheit, auch ist eine sonderbare stille auf den platz gesunken, die grellen lichter des lokals auf der anderen seite sind abgemildert und alle bewegungen hinter der scheibe erscheinen seltsam unwirklich. ich blicke zurück auf die bank, die immerhin eine kurze zeit lang für mich halt und schutz bedeutet hat, und sehe, dass es die tänzelnden schneeflocken schon fast geschafft haben den abdruck meines körpers auf dem schwarzen holz in ahnungslosem weiß verschwinden zu lassen...






Mittwoch, 19. Januar 2011

DER JUBILÄUMSWETTSTREIT

Foto: Robert Haass

Lenas Lied zum Seelenzustand des Rathauses



1. strophe:
ich bin nicht was du denkst, ich bin ganz anders,
ein goldner glanz der schimmert auf der haut,
mein herz ist heiter, als gäbs nur sonnenschein,
und wenn es regnet, sing ich  laut...

refrain: 

ich pfeiff auf vieles, glaubst du das?
ich pfeiff auf falschen rat, auf besserwisserei,
und grinst du blöde rum – dann lächle ich,
und schau mit einem zwinkern dran vorbei...

 du weißt ich geb nicht auf, will immer weiter,
das jetzt ist bald vorbei,  gleich fängt die zukunft an
die uhr sie tickt ganz wild, hörst du das schlagen
hörst du das BAM-BAM-BAM-BAM-BAM


 2.Strophe
die jahre gehn dahin, der putz der bröckelt,
ich zitter im gebälk, und schluchz im fensterholz,
die pflichten prägen mich, durch all die zeiten,
ich halt mich tapfer hoch, ja, ich bin stolz... 
3. Strophe
aus steinen ist mein bau, bin mächtig wichtig,
vierhundert jahre, ja, das wird ein fest,
die tage jubeln, als gäbs nur sonnenschein, 

mein franken feiert wild – wenn man es lässt.....


 Text: Gabriele Brunsch
Melodie: Julia Meyer

  
Akteurin: Julia Meyer
Foto Robert Haass - Mainpost

Sonntag, 16. Januar 2011

Dauergrinsen




Im Dauergrinsen erstarrt,
ist das Lachen schrille Fassade,
potjomkinsche Maskerade
bis unter die Nase,
happiness pur
nur
happiness pur...

Wenn der Spiegel das
andere Gesicht zeigt,
das echte (wie es auch sei),
müde und leergegrinst,
müde und leergelacht,
müde und ereignisleer,
gleitet der Blick drüber,
über das Gesicht,
mit Augen
und Nase
und Mund
und Wangen
und Kinn
und Falten...
und für Sekunden
(vielleicht)
flackert Erkennen,
was, das bin ich auch,
(vielleicht)
blitzt Erkenntnis auf,
Entsetzen!

Doch dann, im Aufbäumen
des Willens, in der Verweigerung
der Annahme, nein, so nicht,
zischen sie wieder hoch,
die Winkel des Mundes,
Lippen entblößen Zähne
und das Lachen ist wieder da,
und spricht zu den Augen,
laut und ermunternd,
was, bitte, willst du,
alles ist super, nicht wahr?

Freitag, 14. Januar 2011



...wenn man nicht mehr wartet, nicht mehr bangt, wenn man nichts mehr erhofft, sondern einfach nur ruhig atmet, in den augenblick hineinlauscht und seine unendliche stille genießt, hat man dann eine stufe der glückseligkeit erreicht?



für Ursa...
(in eine frage verwandelt)




.

Mittwoch, 12. Januar 2011

..du und ich...




ich bin ich, wenn ich hier bin

ich bin ich, wenn ich dort bin

du bist du, wenn du hier bist

du bist du, wenn du fort bist

mir geht es gut, wenn ich hier bin

mir geht es gut, wenn ich dort bin

dir geht es gut, wenn du dort bist

dir geht es gut, wenn du hier bist

bist du hier, geht es mir schlecht

bist du hier, geht es dir gut

bist du dort, geht es mir gut

ich bin immer ich, bist du hier oder dort

du bist immer du, bist du hier oder dort

du bist du, wenn du hier bist, oder wenn du weg bist

ich bin immer ich, wenn ich hier bin oder dort bin.


.

Dienstag, 11. Januar 2011

..."dazwischen" - kommentargedicht zu miros WORT ...

für miro:




...als kinder erhalten wir bilder, klänge und düfte 
und sie sagen uns: schau, nimm, so ist die welt, 
und sie ist gut... 
später wird uns bewusst, dass das bild fleckig ist, 
der duft ein gestank und der klang nichts als lärm... 


doch wir sehnen uns
nach dem "d a z w i s c h e n"
nach dem nicht makellosen bild,
aber dem, was das auge nährt,

nach dem duft, der angenehm,
verheißungsvoll, beruhigend,
der nach leben riecht,

und dem klang, welcher der stimme
der mutter gleicht, vielleicht,
oder der geliebten, der ersten,
die einmal sagte...
diese stunde mit dir war schön...


gabriele brunsch

Montag, 10. Januar 2011

...von der überschwemmung am fluss

von der Überschwemmung am Fluss


Über die Ufer geht der Fluss, 
Wasserfluten lecken braunbrühig, verächtlich,
keuchend watet angstvoll der einsame Mann
vom Stall hin zum Haus,
ihm schlägt der bittere Schlick durch das Tor,
diesmal steigt's schneller, denkt er, und er friert.

Enten dümpeln im Buschwerk,
knietief hüpfen Kinder, passt auf, da sind Löcher überall.
Gierig warten die Luken und Spalten,
lichtloser Himmel, braunbrühig, teilnahmsleer,
und das Wasser steigt, denkt hinterm Vorhang die Frau,
fröstelnd setzt sie sich Tee auf.

Vergeblich, wieder ein Regen und gibt nicht nach,
Himmel und Flussbett, braunbrühig, verschlungen,
quellen tänzelnd vom Stall in die Betten,
zur Unzeit vereinigt und wild.  
Wie ein Fluch ist's, der die Wände zerreißt,
denkt schaudernd und zitternd das Mädchen und weint.

Des nachts kriechen sie oben in feuchte Laken,
lauschen dem Blubbern und Glucksen,
nimmts ab oder schwillts, braunbrühig, finster,
sinken steinschwer in den todgleichen Schlaf.
Wie Treibgut gerettet die Habe,
Treibgut ich selber, denkt fiebernd der Jüngling, und schluchzt.

Wenn nur das Licht wäre und die Farben braunbrühig, stumpf,
könnte man denken die Welt sei schon tot, sei schon  ersoffen,
aufgedunsen, zersetzt, in zerfasterten  Lumpen, 
von Fischen zerrupft  ihre Haut.
Doch es steigt weiter, das Wasser, leckt in die Keller,
schneller als sonst, denkt die Greisin im Tor, und wendet sich ab.




.

„s’gibt a hochwasser“


„s’gibt a hochwasser“

knurrt der alte.

seine nase tropft.



Freitag, 7. Januar 2011

...meines winters qual





meines winters qual 

all mein begehren atmet

die sehnsucht nach grün



26. 09. 2009
Luxarium




...es wäre wichtig zu bemerken, dass dieser vers zwar in den silben 5/7/5 gefasst ist, aber nach den strengen regeln der haikuliga, 
doch  k e i n  haiku!
nun ist das aber, wie einige andere versformen, eine, die ich besonders liebe... 

drum dichte ich gerne in dieser silbenanzahl, oder in einer anderen z.B. 9/7/4  
(meine erfindung siehe 

h  i  e  r

und freue mich, wenn ein gedicht entsteht. 
ob eine wichtige poetik dazu nun kluges oder unkluges weiß, ist mir einerlei. 

jedoch bemühe ich mich trotzdem, so ganz nebenbei, auch HAIKU  zu schreiben, und das ist besonders schwer, denn wo haiku drauf steht, ist leider nicht immer haiku drin! 





...wir haben nur diese worte,
....
andere gibt es nicht.

aber der künstler vermag
aus diesem bekannten stoff,
(der sich so lässig verbraucht)
einzig fantastischen stoff
zu knüpfen.

wenn er denn handwerk,
wenn er denn handwerklich,
handwerklich sprachhandwerk,
wenn er des sprachzaubers mächtig
wort - bild - gehalt
philosophisch verbrämt
und verquickt
und vermischt

und...

verhüllt...

aber so
kriegen wir
oft
nur
lose
flatternde
flausen
...
wahllos
zusammengefügtes gelaber
sinnlos vereintes.


das nicht befriedigt...

...


sind wir doch suchende...

...

kristallines gestein
edel - schimmernd...

aber so selten
ist

dieses


wunder

Donnerstag, 6. Januar 2011

im schattenwirbel....

.


wir schlagen brücken zwischen den welten,
zwischen der kleinen flucht und dem ozean,
mühsam unser bestreben...
wie doch die wellen hochschlagen, wie sie uns streifen,
unverstand zwingt uns ins joch... zwingt uns...
ach...



.
.





unterm hut
das weiße haar
so rot ihr mund




.

Dienstag, 4. Januar 2011

in den weinbergen




rechts außen im bild,
  im schnee bei den reben
ein stelzenmonster...



oder





durch winterreben

helles grau auf reinstem weiß

ein stelzenmonster


.

Montag, 3. Januar 2011




optische täuschung
der gigantische eisberg
ein zuckerhütchen
.

Samstag, 1. Januar 2011


wasserspeier* sprüht

gläserne morgengabe

fontänen aus eis


my gargoyle's spraying

a morning gift

fountains of ice

.

*gargoyle/gargoyl = wasserspeier
.
klaus stutes verbesserungsvorschlag aus dem luxarium:

http://www.luxarium.ch/luxarium-haiku-wordicht-forum/haiku.html

mein wasserspeier versprüht die morgengabe aus eis 


klaus stutes english version slightly altered:

well done
the icy morning gift
poor gargoyle
meine rückübersetzung:

gut gemacht
die eisige morgengabe
armer wasserspeier