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DIESES BLOG WIRD ARCHIVIERT vom DEUTSCHEN LITERATUR ARCHIV MARBACH

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Dienstag, 22. März 2011

eisiger frühlingstag in antalya




...klar und eisig ist die luft - menschenleer der strand, die promenade... 
zwischen einigen schon geöffneten und anderen noch an den folgen des winters und der vernachlässigung leidenden cafés steht eine ruine, der man nicht ansehen kann, ob sie jemals ein fertiges gebäude war, mit emsigem sommerbetrieb, für die strandbesucher, die lächelnden, die sonnesuchenden, anwohner oder von fern herangereisten, so wie ich...
ich spaziere auf ihr herum und bleibe lange stehen und suche den blick durch die unterschiedlichen durchblicke, die mir die mauerreste bieten, hinaus auf das meer. 



...in der ferne verschwimmt die gigantische stadt zu einem strich, ein kalksteinfelsen, aber es ist eine pulsierende metropole, in welcher tradition und moderne heftig aufeinander prallen.... love... wie gelassen liegt der schriftzug des grafitto auf der verwitterten wand - waghalsig muss der sprayer gehangen haben, irgendwie zwischen brücke und abgrund um sich hier zu verewigen mit seinem sinnvollen wort: love -
...wie wertvollste edelsteine liegen sie da, und ein jeder ist der schönste und ein juwel für mich, glänzend-schimmernd, für den augenblick - bevor ich fröstelnd auf einer café-terrasse als einziger gast meinen tee trinke, und mein gesicht zur sonne drehe, um, geschützt, in die jacke gepackt und im windschatten eines segeltuchs, ein wenig wärme zu sammeln...

rosenmontag 2011

Montag, 21. März 2011

kernspaltung

.



in der geborgenheit von
kleinen friedenszeiten
entschlüpfte ihren klugen hirnen
auf basis langgeschöpften wissens
die kenntnis, dass man energie,
die größte aller zeiten,
gewinnen kann.

spalte die kerne der atome
von uran.

welch großer wurf.
welch wunderbar geschenk.
geschenk des himmels. wow.
so strahlend schön,
schön wie die sonne selbst,
voll hellster helle, heller als das licht,
und strahlender, so strahlend
wie die größte kraft des alls....

...und während diese kraft
wie ein vermächtnis planvoll
und ideenreich  
die besten hirne tränkt,
wird irgendwo 
vereint im machtverbund
pandoras teufelstopf
erneut der welt geschenkt....
                 
jetzt kommen gier
und hunger nach der macht,
verheeren schlimmer als armeen
länder, inseln, wüsten, meere.
sie schlagen ein kometengleich.

und während hier in frieden
die strahlen kranke heilen,
und licht und energie
die nacht zum tage
umgestalten,
sterben sie anderorts
gleich wie die fliegen weg,
und werden siech.

empfindlich
ist der
mensch,
schmutzig missbraucht...

schütten sie asche auf ihr haupt
um sich zu läutern von der schuld?
scheuern sie ihre knie wund
die sünde rauszubluten?

die macher wähnen sich in sicherheit,
von einem unsichtbaren,
zaubrisch dichten schild geschützt.
doch nein,
die strahlen werden erst
in aller ruh von ihrem leib,
der innenhaut,
die feinsten spuren essen,
danach wird ihnen
nach und nach
die seele weggefressen....




.

Freitag, 18. März 2011

venedig im frühen märz II


wie seide spiegeln wellen sich auf stein
es schält sich aus dem winterschlaf ein baum
der schritte schlurfen ist ein blasser ton
am brückenkopf die katze sitzt allein

schon schwappt der gondel welle an das tor
touristen wickeln sich in ihren schal
ein maskenrest aus plastik liegt im dreck
sein mund ein stummer schrei voll qual

im qualm des alten ofens eingeräuchert
kniet still der alte, seine hände beben,
in eisigkalten wänden eingekerkert
die flamme lässt sich nicht beleben

der scheintraum hält die wasserstadt
im irrealen daseinszwang gefangen
so focussiert im nebel schreit die welt
und liebeshungrig giert sie nach verlangen...

Sonntag, 13. März 2011

venedig im frühen märz I




...weit ist der duft aus lichtem grün -
spätwinterlich gefüllt noch die orangenhaine,
hier keimt der frühling unverdrossen
im mosaik getopfter blütenschreine.

die züge, einstmals fernbestimmt -
zerfressen ihre zeit auf jenen abstellgleisen,
die spur der landschaft spiegelstumpf –
traumleer - erinnerung zerrinnt...

der tauben schatten ist ein trauerflor-
in wassergassen tief versunken ist die stadt,
im atemrhythmus ihrer kranken welt,
schwingt traumverloren sie im wellentakt.

die fenster auf, der meereswind umfächelt
den schimmel im gebälk der räume.
des frühlings müde wird erneut gelächelt,
sei ruhig, denke nicht und träume...




diesseits der dämmerung

 


im abendrot deiner blicke
taste ich wortlos nach meinem leichtsinn
und lächle mein wildestes lächeln...

doch in der stille, die dieser stille folgt
zittern unruhe und angst, ganz tief drin...

und wär nicht das schwanken meiner knie,
und zeigt’ es sich nicht an der oberfläche,
(verräterisch bestimmt) spürt’ ich es nicht...

oder hätte mir wieder, wie schon so oft,
zugeflüstert, dass ich’s ertrage,
mich mäßigend herauswinde,
die lider gesenkt, die lider gehoben,
den teeduft schöpfend
und mich ergehe in floskeln:
aber sicher, nur keine bange,
das wird schon, na klar...

nun sitz ich’s halt aus,
sitze und trinke den tee,
und bin einfach still,
lausche dem ploppen des chats
in meinem kopf und denk
alles nicht ansatzweise so schlimm...

nun geht mein blick nach der uhr,
ganz im verborgnen, und ich weiß,
s’ist bald vorrüber, die sonne ist unten.
gleich wird es nacht...

Dienstag, 1. März 2011

Missbrauch - MISSBRAUCH - Missbrauch

die ehre wohnt im herzen 
der spiegel sagt es dir 
in langen stunden ohne kerzen 
betrachtet mich und greift nach mir ...


 ein missbrauch ist, wenn dunkle, heiße gier
geifernd zur unzeit ihre macht ausübt,
und schändet, was geschont sein soll,
geschont, behütet und gepflegt,
achtsam erhalten, sorgenvoll beäugt.

schwach darf schwach sein,
muss schwach sein dürfen,
ohne not.

glaubwürdigkeit, respekt und edelmut,
und würde, einfach die!
ein bisschen kleine würde
zu stellen über diesen satten trieb.
zu zügeln ihn, zu zügeln und zu stillen,
den schwachen willen.

mit selbstrespekt, nur dem,
ein bisschen achtung
für das eigne ich.

schlag doch den kopf an eine wand aus gelb,
aus braun, aus mauerstein, aus grau, aus schwarz,
tu’s doch, und schlag....
schlag auf die hand mit einer axt,
nutz die gelegenheit, schlag zu,
mit hinterlist zu zücken deinen schmerz,
trifft er das hirn? trifft er das herz?

wo wohnt die ehre denn?
im knie?
vielleicht!

so muss es sein!

die ehre ist
bei dir
ganz fest gespannt
vom
bauch
bis
hin
zum
bein...


 .
copyright: gabriele brunsch

Mittwoch, 23. Februar 2011

...nichts was ich denke, ist einfach nur so...

...nichts was ich sage, ist einfach nur so...

...nichts was ich tue, ist einfach nur so...

alles hat einen grund - weg und ein ziel

...alles hat einen sinn, einen wert...

...alles kommt zurück zu mir selbst...

...nichts verklingt ohne echo fern....

...so bin ich ausgangspunkt  und mittelpunkt

und zielpunkt so wie du auch...

...so sind wir wir - bist du du - bin ich ich...

...ich bin lebendig... ...lebendig bin ich...

Sonntag, 20. Februar 2011

und bist du, tod, des schlafes bruder...




„und bist du, tod, des schlafes bruder,
mag ich euch beiden schwester sein,
und wachen still, stundaus-stundein...
will stumm den atemzügen lauschen,
bedacht, ihr sollt doch ruhig ruhn!"

und zuckt des einen augenlid,
und spricht des andern mund
traumblind zu mir, raun ich im flüsterton:
„schumschei," ganz leis, "schumschei, schumschei"
und sing ein sanftes lied dabei.
und sing:
“kein lieb, das pflicht,
kein leid, das sticht,
kein großes gut,
kein bittres weh,
erwachet nicht,
seid nur fein still,
weil es doch weiter leben will,
das schwesterlein, das treue kind,
im sternenmeer, im heidesand,
im glitzereis, am meeresstrand,
im arm des liebsten seufzen, ach,
schlaft schön, und werdet nur nicht wach!“

in traum gebettet, dunkle nacht,
singt es sich selbst, das schwesterlein,
in süßen schlaf, und schlummert ein...



 copyright©gabriele brunsch

tod des schlafes bruder 
schlafes bruder

Freitag, 18. Februar 2011

 .




...nichts was wir denken, ist einfach nur so...

...nichts was wir sagen, ist einfach nur so...
 
...nichts was wir tun, ist einfach nur so...
 
...alles hat einen grund und einen weg und ein 

ziel...
 
...alles hat einen sinn, einen wert...
 
...alles kommt zurück zu uns selbst...

...nichts verklingt ohne echo fern....
 
...so sind wir ausgangspunkt  und mittelpunkt 

und zielpunkt jeder für sich....
 
...so sind wir wir - bist du du - bin ich ich...
 
...ich bin lebendig... ...lebendig bin ich...


Donnerstag, 17. Februar 2011

aus gegebenem anlass ...

Gabriele Brunsch schrieb am 17. Februar 2011 um 15:23 Uhr
literatur-cafe-kommentar

antwort auf den vorwurf z. g. habe sich bei seiner doctor-arbeit nicht ganz an die regeln der wissenschaftlichen redlichkeit gehalten:

…erst seit einigen jahren ist es usus (weil möglich geworden), dass facharbeiten, diplom- und doktorarbeiten mit einer digitalen prüfung auf correctness abgeklopft werden, um sauberes zitieren zu erzwingen, abkupfern zu vermeiden.

zitat des obigen artikels: Schon jetzt zeigt sich, dass die Copy-and-paste-Kultur überall Einzug gehalten hat.

blauäugig, wirklich. diese abkupferei ist und war allgemeiner usus, in allen geisteswissenschaften, der literatur, der musik und in der technik (was jedem bekannt ist und als betriebsspionage allgemein gefürchtet wird!!!).

selbst in der darstellenden kunst länderübergreifend war das kopieren allgemein üblich.

wenn dann etwas ganz neues entsteht, wenn neue literatur, neue kunst auf der grundlage geschaffen wird – bei nennung des gebers – ist es nur zu begrüßen, denn anders wird sich kunst nicht fortbewegen… in der wissenschaft ist es nicht anders, es wird auf bereits bestehendem aufgebaut, nur so kann ein eigenes neues gedankengut bei der flut des geschriebenen nachweislich als solches dargestellt werden… die angabe, auf welcher basis man seine erkenntnisse aufbaut, ist und sollte ein „grundsatz“ sein.

ganze abgekupferte passagen aus einer tageszeitung ohne fußnote zu übernehmen ist in der heutigen zeit entweder schlichtweg “dumm” oder absolute „schlamperei“…. wenn das erst 2007 war, dann ist es entweder so „dreist“ oder so „ungebremst selbstherrlich“, dass mir die worte fehlen. aber schau mer mal was noch alles dazu geschrieben wird…. (zwischen dumm – schlampig – dreist und selbstherrlich können die grenzen fließend sein!!!kicher)

ich, für meinen teil finde es einfach schade, dass der junge herr z. G. nicht den gleichen prüfungskriterien unterzogen wurde, wie alle anderen jungen doctoranden. 
das hätte ihn vielleicht noch 2 monate zusätzliche Arbeit gekostet, sein guter ruf und der seines doktorvaters wären dann allerdings nicht so jämmerlich aufs spiel gesetzt worden.


.

Sonntag, 13. Februar 2011








...ganz wichtig, dies sollte niemals ein haiku sein, sondern kommt nur ein wenig in haiku-form gezwungen, als senryu vielleicht, als deutsches gedicht immerhin, auf den betrachter zu...



Sonntag, 6. Februar 2011

DAS VERGILBTE BLATT

Das vergilbte Blatt
Paul Spinger 
Vergilbend liegt das weiße Blatt
Obszön auf meinem Schreibtisch rum;
Weil niemand drauf geschrieben hat
Zerknüllt ich es, denn es ist stumm.

Dann streich ich ´s mühsam wieder glatt,
Und mal’ darauf ein Liebeslied.
Jetzt redet das vergilbte Blatt;
Welch riesengroßer Unterschied!

Erst war es gelb und glatt und leer,
Sah mich wie eine Hure an.
Jetzt provoziert es mich nicht mehr,
Weil ich darauf was lesen kann.



für Paul Spinger als kommentargedicht auf seinem blog: 

 
das vergilbte blatt


was sich da so zusammenreimt,
beschrieben-unbeschrieben,
ein wenig alt, vergilbt, und leergeblieben,
aussagestark wie sacht betagte haut,

nur scheinbar stumm. verführerisch,
verpönt und doch begehrt,
verworfen, sündig, lasterhaft,
verschmäht und auch verehrt!

du kämpfst, du widerstehst,
zerknüllst, beleidigst, wendest dich,
doch schließlich siegt die lust,
weil alles flüchten sinnlos ist,
tust du nur, was du musst.

die macht hat jetzt die zauberkraft,
der zweifel weicht im licht,
mit jedem satz ein neues land,
zur welt kommt ein gedicht.

das ist nun wirklich unbedacht
mir davon zu berichten,
ich will doch dass die liebe lebt,
und dichtung kommt von dichten.

lass lasterhafte blätterfeen,
obszön verführerisch und fein
mit gurren, säuseln um dich sein
wenn liebeslieder so entstehn
musst du durch diese hölle gehn!







Donnerstag, 3. Februar 2011

herbst.zeitlosen hat mir zu meinem post vom 29.januar "I'm travelling..."
dieses hinzugedicht im  kommentar geschickt...


"komm
sing mit mir ins dunkel
so lang
bis hoffentlich der tag
seine lichtgranaten wirft
ins gewirr der straßen

was weiß ich
was weißt du

kann sein
die sonne verkriecht sich
schwärzt ihr gesicht
rauft sich das haar
verbirgt den kopf im schoß
und klagt
und gibt kein morgen
für den tag"



ich danke dir ...

Montag, 31. Januar 2011

DIE WOLFSSCHANZE

WOLFSSCHANZE
Gabriele Brunsch
.

DIE WOLFSSCHANZE


...nicht bei der Anreise im Bus, die sich über Stunden von Danzig kommend träge dahinschleppt, nein, erst gegen Ende des Spaziergangs durch die verschlammten Trampelpfade in einer Bewaldung, die einem vernachlässigten Vorstadtpark gleicht, beginnt mir meine schlechte Vorbereitung, meine Ahnungslosigkeit, wie ein übelriechender Spüllappen durch das Bewusstsein zu wischen.
Dies soll die Wolfsschanze sein, der Ort an dem sich Hitler drei Jahre lang einnistete: Unbezwingbar, unentdeckt, ein magisches Machtzentrum. Der geheimnisumwobene Lebensraum seiner todesschwangeren tyrannischen Gewaltherrschaft. Hatte meine Erinnerung diesen Platz nicht irgendwo in Brandenburg gespeichert, tief in den moorigen Waldgründen nördlich von Berlin? Zwischen den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen. Dort, wo sich das Grauen letztlich gebündelt hatte, zumindest in meiner Fantasie.

Wer sich einem solchen Ort nähert, sollte präpariert sein, damit sich das aus der unheimlichen Vergangenheit heraufwabernde Geflecht aus historischen Daten, Bildern und Fakten unmittelbar zu ahnungsvoller Beklommenheit verdichten kann. Jeder Schritt sollte bleiern beschwert sein von den Hassstürmen und Verwünschungen, die den Platz heimsuchen.
Doch nichts ist spürbar, keine dunkle Befremdlichkeit beschleicht mich, kein dumpfes Flüstern, das den Fluch bis in die Seele spürbar macht. Nichts. Kaum eine Stunde stolpere ich über Baumwurzeln, nehme ich überwucherte Betongiganten im Gehölz wahr, taste ich mich mit der heiter plaudernden Gruppe durch kurze Höhlengänge, hindurch zwischen planlos zerwürfelten Bunkerwänden. Der Eindruck, die Wanderung hin zu einer handvoll Bunkerresten und einer Kasinoruine sei ein Missverständnis in der Organisation, macht sich breit. Aber nein, dies ist doch eigentlich das Ziel der Reise gewesen.   Scham.  
   
Ein örtlicher Historiker führt uns. Graumeliert sein Haar, olivefarbene fahle Haut und fahle Augen, nicht der große, blonde, blauäugige Pole mit der freundlichen Zurückhaltung. Ich erfahre nur Dinge, die mir allesamt bekannt sind, deren historische Brisanz ich allerdings mit diesem sonderbaren Waldstück, kurz vor der ehemals litauischen Grenze, nicht in Einklang bringen kann. Die Trostlosigkeit des Ortes mag auf diesen Mann abgefärbt haben. Im Stakkato tut er kund, dass man wohl mindestens zwei Wochen benötige um diesen Platz zu besichtigen, um die Zusammenhänge zu verstehen, aber so lange wolle sich niemand Zeit nehmen, das wisse er. Diese Erkenntnis und die vielleicht tausendfach aufgefalteten müden Gesichter mögen ihn restlos desillusioniert haben, denke ich, und nun vollzieht er die Führung wie eine Art Flucht vor seinem eigenen Entschluss sich dieser Sache angenommen zu haben. Er hat ein Buch verfasst, hin und wieder hält er es hoch und deutet auf ein besonderes Detail auf Seite Soundso. Doch wie die ausgedehnte Bunkeranlage hinter Wald und Bäumen verborgen bleibt, so vage erweisen sich die Bilder auf den rasch wieder zusammengeklappten Buchseiten. Angestrengt lausche ich seinen quäkend gezischten zynischen Witzen, deren Pointen er mit süßlichem Lächeln ausspuckt. Nur die ganz  nah bei ihm Stehenden können sie hören. Ob sie verstanden werden ist schwer zu sagen. Ohne eine Reaktion abzuwarten macht er sich sofort mit eiligen Schritten auf den Weg. Es gibt wirklich nicht viel zu sehen, lacht er. Aber Goldsucher hätten überall Löcher tief in den Waldboden hineingegraben, man habe sogar den Asphalt der Wege abgetragen, weil darunter Schätze vermutet wurden, das Zimmer aus Bernstein vielleicht, aber ohne Ergebnis, wie man weiß.
Anfänglich seien mehr als zwanzigtausend Menschen irgendwie mit diesem Hort der absoluten Sicherheit in den Jahren 1940 bis 1944 beschäftigt gewesen, alles streng geheim, immerhin an die 100 größere Gebäude seien es gewesen, kleine Dörfer in Sperrzonen. Hier Hitlers persönlicher Bunker, der größte. Dort irgendwo der von Göring. Ein Arsenal an SS-Einheiten, NSDAP-Größen, Wachpersonal und Kontrolleuren, die das Gebiet rundum zur sicheren Zone machten. Dazu Architekten, Ingenieure, ihre Büros, Bautrupps, die Versorgungseinheiten, Heizanlagen, Stromversorgung, Küchen, Badestuben, Saunen, das dazugehörende Personal, Putzkolonnen, Wäschereien. Eine Bahnlinie direkt nach Berlin, zwei Flughäfen, eine Telefonleitung. Das alles im Verborgenen, denn man hatte je nach Jahreszeit Lichtschutzplanen über die Wege und Häuser gespannt um sich gegen das Ausspähen von feindlichen Flugobjekten zu schützen: Sommers wie winters Schattenwelten.
Wie ist wohl die Stimmung des großen Führers, wenn er sich in diesem geschlossenen Areal, einer männlichverklärten von unschuldigem Kinder- und Frauenlachen gesäuberten Zone, mit straffer Körperhaltung von hier nach da begibt? Was fühlt er in künstlichem Licht unter meterdicken Mauern, wenn er nur seinem eigenen Atem ausgesetzt ist und seinem eigenen Schweißgeruch, während sich seine Soldaten von seiner Radiostimme angestachelt, einer rohen, alles lebendige verschlingenden Gefahr aussetzen. Wie nimmt er denn von hier die Außenwelt wahr? Wie Land und Städte? Wie die Menschen? Wie seine Soldaten? Sind sie für ihn nicht seelenlose Schablonen, formlose Feldfiguren, die er mit einer eleganten Geste auf einem Spielbrett zwischen den Planquadraten herumschiebt, Sprachen, Grenzen, Kulturen missachtend, um sie dann und wann wütend in die Ecke zu fetzen, wenn ihm die Nachricht von einer neuerlichen Niederlage ins Gedärm zischt und sich der Jähzorn beim Losschreien in Spuckesalven entlädt.

Zu allem Überfluss drangsalieren uns Hunderte von winzigen Stechmücken. Eine sonderbare Ironie. Nicht die grauenerregenden Informationen sind es, die uns schmerzen, nein, die Mücken sind es, die sich auf Handrücken, Stirn und Hals setzen und gnadenlos stechen. Ob die wohl damals auch hier waren? Vielleicht ließ der Führer ja Pestizide über dem Wald versprühen, sagt einer lachend, dass sie mit Gas umgehen konnten, haben sie ja hinlänglich bewiesen. Räuspern. Der Historiker prahlt, er habe ein Mückenspray.  Er führt uns zielsicher auf sein Auto zu, dessen Heckklappe er schwungvoll öffnet. Mein Blick fällt auf mehrere Stapel seines Buches, das er zum Verkauf anbietet. Im Hintergrund steht ein abgelebter Bau mit einem verlassenen Café und schickt den spitzen Geruch eines Pissoirs herüber.   Das stehe ich noch durch.

...jetzt bei der Rückreise im Bus, die sich über Stunden bis Stettin träge dahinschleppt, ja, jetzt, unter den düstersten Regenwolken und der vorbeihuschenden malerischen Masurenlandschaft, beginnt mir meine schlechte Vorbereitung, meine beschämende Planlosigkeit, wie ein fetter, unverdaulicher Fraß übel gegen die Magenwände zu stoßen. Dort ist die Wolfsschanze,  der Ort an dem sich Hitler drei Jahre lang einnistete. Unbezwingbar, unentdeckt, das magische Machtzentrum. Der geheimnisumwobene Lebensraum seiner todes-schwangeren tyrannischen Gewaltherrschaft. Der Ort, wo sich einst all das Grauen bündelte. Dort ist jetzt das verbliebene Substrat seines tausendjährigen Reiches: Eine Ansammlung hässlicher Betonkolossreste, Wohnstatt eines pervers Paranoiden und seiner entmenschlichten Gefolgschaft.
Wer Angst säht, wird Angst ernten.

Er hatte Orkane von Angst verbreitet, unter Millionen von Feinden und Freunden, und hatte, bereits lange bevor der Ausgang seiner angezettelten Stürme sichtbar wurde, begonnen dieses Refugium für sich zu bauen. Die riesenhaften Betonmauern waren bleierne, stille Gruften,  tot für die Schmerzensschreie der Welt. Schmerzensschreie gab es dort im Nordosten Polens und dem annektierten Litauen mehr als anderswo, weil die Säuberungsaktionen hier landauf landab ganze Dörfer dahinmetzelten, Männer, Frauen und Kinder gar nicht erst abtransportierten, sondern direkt in die Grube stießen.
Hieran sehe ich die ganze Perversität dieser Herrschertruppe  erneut auf den Punkt gebracht: Tief im Inneren waren sie sich ihrer Abartigkeit, ihrer widerwärtigen, verqueren Monstrosität bewusst und fügten das Verkriechen in die Unsichtbarkeit von Anfang an in ihre Planung mit ein. Als ahnten sie im Voraus, dass sie sich so weit an der Welt vergangen hatten und noch vergehen würden, dass sie sich sogar vor sich selbst würden verbergen müssen in einer fensterlosen, von Myriaden von Minen und Schutzwällen verbarrikadierten kalten Welt aus kahlen, glatten, bis zu acht Meter dicken, von Stahlstreben verstärkten Betonplatten. Welch Lebensart! Welch Ästhetik! Welch Mentalität! Den Kopf einziehen und sich verkriechen, weitab von den Schreien und dem elenden Dahinsiechen der Sterbenden. Doch auch beseelt von der schizophrenen Vorstellung, dass man sich verbergen könnte, weil doch die unzähligen Blätter des Waldes, die echten und die unechten, symbolhaft für heldenhafte Unverletzbarkeit stehen, für tausend Jahre und ein Leben...  
2010

Samstag, 29. Januar 2011

...one of his most beautiful songs...

...sieben jahre mussten vergehen, bis ich endlich die kraft habe die lieder meines sohnes WOLFGANG-IMRE erneut einem publikum vorzustellen...

indem sie es hören, wird die erinnerung an ihn wach bleiben, seine tiefe, seine weitsicht, seine zartheit, seine stärke....

die hohen seufzer sollten den "GESANG DER WALE" nachempfinden, sagte er mir, als er mir das lied schenkte...




Mittwoch, 26. Januar 2011

...entkommen

...entkommen
(für miroslav dušanić)



ich höre sie,
die schritte der zeit,
auf den stiegen,
manchmal lauter,
ein andermal leiser...
gemächlich-langsam,
humpelnd-träge,
leichtfüßig-springend,
dann sind es tänzelnde hopser,
die mich narren –

.
sie bringen mir spiegel,
zersplitterte scherben
vergangenheitsfetzen
filmschnittsequenzen
grell-düster, wild-durchpulst,
hastig wechselnd – bildsplitter
von den gelebten stunden.

.
die lege ich mir auf den leib
und spüre ihre kälte aus eis
auf meiner weißen haut.
dann öffne ich das fenster...
und im blau des himmels
bin ich final
erinnerungsleer,
ein wesen aus licht…

.

Dienstag, 25. Januar 2011

...in eisiger kälte...






in eisiger kälte

entflieht die sonne

der weiß-blauen welt...


.

Donnerstag, 20. Januar 2011

...ankunft in wien...






...bin in wien angekommen, bei der nacht. es ist bitterkalt, frost durchzieht mich, ich fühle mich elend und verloren. vom bahnhof fahre ich mit dem taxi nach "hietzing", da ist die wohnung meiner verwandten, am XXXplatz, wenige meter neben dem EKZ solle ich nur den durchgang nehmen und dann geradeaus, etwa hundert meter auf der rechten seite, ich könne es nicht verfehlen.
der taxifahrer hat mich wortlos abgesetzt.
nun stehe ich da mit klopfendem herzen und einer erwartungsvollen spannung.  meine einzige verwandte in wien ist gestorben, am kommenden tag wird die beerdigung sein. mir ist etwas übel, ich habe hunger und durst und fühle mich benommen, alles ist ein wenig viel mit einem mal, denke ich, und ich frage mich erneut, ob es wirklich so eine gute idee war hier her zu fahren. aber, die letzte ehre, sie ist es doch, die ich ihr entgegen bringen will. wenn wir schon im leben keinen kontakt hatten, so will ich ihr doch im tode wenigstens zeigen, dass meine einst kindliche verehrung für die in der ferne langsam immer fremder gewordene freundin, trotzdem unvermindert bestand gehabt hatte.
gleich werde ich die verwandten treffen, die alle von weit her gereist sind, die ich jedoch schon viel zu lange nicht gesehen habe um auch nur einen hauch an vertrautheit oder so etwas wie wiedersehensfreude zu empfinden...
ich weiß, ich fürchte mich. auch die umstände des todes sind so traurig, dass man weinen könnte. so halte ich die tränen mühsam zurück und versuche auch meinen atem im zaum zu halten.
mein gepäck besteht aus einem winzigen reisekoffer und einer handtasche.
 ich stehe im kegel künstlicher lichter mitten auf dem platz und drehe mich im kreis - ich bin seit meiner kindheit nicht mehr in wien gewesen, nur noch als durchreisende mit dem zug in richtung pressburg oder budapest. aus irgendwelchen gründen hat es sich einfach nicht ergeben die plätze und menschen meiner kindheit wieder aufzusuchen. unsere leben waren auseinander gedriftet und an verschiedenen orten weitergegangen ohne wieder bezug zu einander zu nehmen.
nun drehe ich mich an diesem platz mitten in hietzing herum und lausche in die stadtgeräusche hinein, tief in mir rauscht aber immer noch das rhythmische monotone brummen des zuges. den letzten teil der reise habe ich tief geschlafen und irgendwie ist die unsicherheit in meinem körper immer noch so, als sei ich aus diesem schlaf noch nicht wirklich aufgewacht...
wo gehe ich jetzt hin. wie finde ich meinen weg. meine knie zittern. ah, da ist ein gasthaus, da werde ich hineingehen, mich ein wenig beruhigen, ich werde mir eine kleinigkeit zu essen und zu trinken bestellen und dabei nach dem weg fragen. so werde ich kraft tanken und nicht so verhungert bei den verwandten hineinschneien, die, wer mag es wissen, vielleicht sogar nur noch eine notwache für die späten gäste eingerichtet haben. was weiß ich schon.
ich überquere den platz und steige die treppe hinauf zum lokal. die meisten tische sind besetzt, es herrscht eine angeregte atmosphäre. als ich mich an der bar niederlasse, kommt auch gleich der kellner und nimmt meine bestellung auf. leider gibt es nichts mehr zu essen, da sei ich viel zu spät dran, sagt er, aber zu trinken könne ich schon etwas haben. natürlich, einen wein, ein bier, was immer ich wolle. während ich nachdenke, beginnen drei männer, die auch an der bar sitzen, meine nachdenklichkeit zu diskutieren.
ja, das ist ja wohl net so schwer, sich zu entscheiden, was man trinken wolle, aber an der stimme hätten sie ja sowieso schon gleich gemerkt, dass ich fremd sei, aus deutschland.
es geht eine sonderbare diskussion los. ich lächle etwas unbeholfen in ihre richtung, tue aber ansonsten nichts, was sie einladen könnte weiter mit mir reden zu wollen. mir ist nicht nach kontaktaufnahme. ich nehme mir vor die herren zu ignorieren. ich bestelle ein bier. ah, ein bier bestellt sie, na so was, das hätte er jetzt nicht gedacht, sagt der eine, er hätte auf wein getippt, aber das sei ja wieder typisch, vom guten wein aus dem schönen oberösterreich hätten die deutschen natürlich keine ahnung.... und auch jetzt spricht er laut und deutlich, auch die leute an den ersten tischen um uns herum blicken her, schauen auf mein bier und auf mich, auf meine reisetasche und es scheint so, als sei sein kommentar etwas, was so durchaus üblich ist. ich nippe verlegen an meinem bier.
schmeckt wohl nicht, sagt der eine, hab ich gleich gesagt, das schmeckt ihr nicht, hätt sie doch wein trinken sollen. kommt in der nacht ins lokal und kriegt das maul nicht auf. na arrogant ist sie wohl gar nicht.
so geht es weiter. meine verunsicherung nimmt zu, das zittern meiner knie hat sich auch verstärkt, der alkohol schießt mir in den kopf und ich bin mir sicher, dass ich dieses bier nicht austrinken werde. ich werde mich lieber gleich wieder auf den weg machen. auch mein wunsch jetzt schon zu zahlen wird heftig zur kenntnis genommen. er hätte doch gedacht, dass ich noch ein wenig bliebe, aber ich kriege ja kaum die zähne auseinander, da können sie auch ganz gut auf mich verzichten... ich denke ich höre nicht recht. was habe ich ihnen denn getan, was an mir, an meiner eleganten, schwarzen winterkleidung gibt anlass, mich so zum objekt ihres spottes hinzubiegen. ich lächle unsicher, steige von meinem barhocker runter, nehme mein gepäck, knöpfe meine jacke zu und will gehen. da wende ich mich schnell noch einmal dem kellner zu und schiebe ihm meinen kleinen plan hin. Leise bitte ich ihn mir zu sagen, was denn unter EKZ zu verstehen sei. der platz hier sei schon richtig, aber ich muss ja am EKZ vorbei und ... 
doch weiter komme ich nicht mehr. der mann, der auch vorher immer am lautesten war, schreit mit einem so einladenden ton los, dass das ganze lokal ohne umschweife den kopf in meine richtung wendet: „d i e   weiß ja nicht einmal was ein EKZ ist.  E K Z!!! na so blöd kann ja jetzt wohl niemand sein, ja, kommt die vom mond?“ die gäste im lokal lachen, sie lachen laut. mir steigt das blut in den kopf. der kellner deutet durch das große fenster auf die andere straßenseite, wo in riesigen lettern die buchstabenkombination  E K Z   über einem schaufenster prangt und lächelt etwas verlegen. als ich mit glühenden wangen völlig aufgelöst aus dem lokal stolpere, höre ich noch, wie sich das lachen der drei an der bar mit der allgemein gehobenen stimmung im lokal mischt und ich kann immer noch die worte dummheit, arroganz und mond deutlich heraushören.
auf der anderen straßenseite merke ich dann, dass EKZ eine abkürzung für einkaufszentrum ist und dass ich eigentlich wirklich nur wenige meter vom ziel entfernt bin. da ist unter einer laterne eine kleine bank, auf diese setze ich mich schnell und versuche mich erneut zu beruhigen. das ist also der auftakt zu einem ohnehin schon unseligen ereignis in wien, der stadt, die ich mir immer wie ein traumziel, wie etwas ganz besonders wertvolles aufgespart hatte...
alles kommt anders als man denkt.
was wird noch kommen, später, ich mag es gar nicht durchdenken. ich schließe meine augen und bleibe eine ganze weile auf dieser bank sitzen. viel zu lange. als ich heftig zu frieren beginne, spüre ich, dass meine knie nicht mehr zittern, auch meine wangen glühen nicht mehr, aber ein gefühl der absoluten lustlosigkeit hat sich in mir ausgebreitet und nur die tatsache, dass ich zu einem eisblock frieren würde, wenn ich weiter sitzen bliebe, zwingt mich die augen zu öffnen und um mich zu schauen. während ich da sitze, hat es zu schneien begonnen und ein zarter weißer schleier liegt jetzt über gehsteig und asphalt. die flocken fallen wilder.
langsam stehe ich auf, ich bin ganz steif. kein fußabdruck stört die makellose reinheit, auch ist eine sonderbare stille auf den platz gesunken, die grellen lichter des lokals auf der anderen seite sind abgemildert und alle bewegungen hinter der scheibe erscheinen seltsam unwirklich. ich blicke zurück auf die bank, die immerhin eine kurze zeit lang für mich halt und schutz bedeutet hat, und sehe, dass es die tänzelnden schneeflocken schon fast geschafft haben den abdruck meines körpers auf dem schwarzen holz in ahnungslosem weiß verschwinden zu lassen...






Mittwoch, 19. Januar 2011

DER JUBILÄUMSWETTSTREIT

Foto: Robert Haass

Lenas Lied zum Seelenzustand des Rathauses



1. strophe:
ich bin nicht was du denkst, ich bin ganz anders,
ein goldner glanz der schimmert auf der haut,
mein herz ist heiter, als gäbs nur sonnenschein,
und wenn es regnet, sing ich  laut...

refrain: 

ich pfeiff auf vieles, glaubst du das?
ich pfeiff auf falschen rat, auf besserwisserei,
und grinst du blöde rum – dann lächle ich,
und schau mit einem zwinkern dran vorbei...

 du weißt ich geb nicht auf, will immer weiter,
das jetzt ist bald vorbei,  gleich fängt die zukunft an
die uhr sie tickt ganz wild, hörst du das schlagen
hörst du das BAM-BAM-BAM-BAM-BAM


 2.Strophe
die jahre gehn dahin, der putz der bröckelt,
ich zitter im gebälk, und schluchz im fensterholz,
die pflichten prägen mich, durch all die zeiten,
ich halt mich tapfer hoch, ja, ich bin stolz... 
3. Strophe
aus steinen ist mein bau, bin mächtig wichtig,
vierhundert jahre, ja, das wird ein fest,
die tage jubeln, als gäbs nur sonnenschein, 

mein franken feiert wild – wenn man es lässt.....


 Text: Gabriele Brunsch
Melodie: Julia Meyer

  
Akteurin: Julia Meyer
Foto Robert Haass - Mainpost

Dienstag, 18. Januar 2011