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Montag, 27. Juli 2009

...UND IST MEIN KRIEG AM HINDUKUSCH...


.

- es ist ein schlimmes verwirrspiel,

die argumente schlagen gegeneinander

trommelwirbel mit atemloser hast -

und die kontroverse diskussion

zersplittert den sachverstand,

und du weißt nur, dass du nichts weißt,

oder zu wenig...


...aber, kann man denn je,

jemals ein richtiges wissen haben,

ein richtiges argument, einen grund,

einen, der krieg rechtfertigt,

einen, der in der letzten konsequenz,

den tod von vielen mit einkalkuliert,

ihn mit bleiernem grinsen hinnimmt,

das schluchzen und weinen der fliehenden,

den glasigen gebrochenen blick der zerrissenen,

die wutschreie der kämpfenden...

auf beiden seiten,

denn alle kämpfen für die richtige sache,

für ihre wahrheit,

für ihren grund,

für ihr richtiges argument,

weil sie das echte wissen haben,

das ihnen den mut und die kraft gibt,

die rechtfertigung zu glauben,

ihr kampf sei die einzige bedingungslos

wirklich vertretbare konsequenz,

sinnvoll und wert, wert das eigene leben

einzubringen, bereitzustellen

vor den opferstock einer fiktiven zukunft...


...während wissen und verständnis

in rinnsalen versickern,

jounalisten ihre augen und ohren

in sicherem abstand in ritzen zwängen,

kollateralschäden abtasten

und google-earth die rasterfahndung verrätselt,

erfüllen flüstern und hecheln die luft,

schlägt die lüge – mit tausend zungen –

im echo verstärkt von fels zu fels

während der neue und der verkrustete

angstschweiß wie eine dunkle aura

die harrenden kämpfer umstrahlt,

und niemand genau weiß was war

und niemand genau weiß was ist

und niemand genau weiß was wird,

weil krieg nicht kalkulierbar ist,

weil hass nicht kalkulierbar ist,

weil wut nicht kalkulierbar ist,

und lust und macht und machtgelüst

sich ausbreiten wie ein flächenbrand,

vernunft sich in rauch auflöst

und asche den himmel verdunkelt...


...da sitzt du und legst die hände

auf gesicht und augen

und suchst nach gründen

im selbstgeschaffenen

sicheren dunkel.

vor dir irgendwo, in reichweite,

die gelesenen passagen,

die berichte, die gesammelten einsichten

und fakten, diese sinnträger,

die schwarzen zeichen auf weiß,

sind trommelwirbel hinter den lidern,

und während du argumentierst

tun sich fenster auf vor dir

und du schaust hinaus und hinein

in tiefe gebirgstäler mit versprengten dörfern,

frauen mit burqa weil es immer so war,

mohnfelder auf lichten höhen, gemüsegärten,

auf kahlen hängen, die der blick trifft, ein knecht,

viele knechte, ein bauer, viele bauern,

ein kind mit der hacke, dem bündel,

die feldarbeit im steilen gebirg ist mühsam.

wessen berg ist das, wessen dorf, wes knecht,

dorfälteste, räte, warlords mit ihrem machtnetz

von felssturz zu fels...


und taliban klettern wagemutig auf schleichpfaden.

hörst du den ruf des falken,

den gesang der nachtigall,

das zirpen der grillen,

die musik der natur durchwebt

arg- und ahnungslos die luft.

zerborstene häuser, straßen, brücken, wege,

dächer und brunnen, ruinen und einschusslöcher

wo längst wieder oder immer noch wohnung ist,

zaudert der fuß das offene feld zu durchspringen,

barst nicht erst gestern die mine, so nah...

...und im unwirtlichen, zerklüfteten land,

in den talfurchen, den bergmassiven,

unter dem geröll der halden ruht gold, silber, bauxit,

wolfram, uran, zink, kupfer, mangan, öl und gas...

...und irgendwo im ledersessel sitzend

schieben in trilateralen runden

die global vernetzten,

multipolar etablierten gamelords

ihre bauern über das spielfeld

und der zeiger der uhr klickt weiter,

und einer sagt leise:

„bald wird das fell des bären geteilt!“
.
.
.

Kommentare:

  1. Sprachgewaltiger Gedankenfluss. Inhaltlich gehe ich nicht überall d'accord, aber ein bildhafter, lesenswerter Kommentar ist dies ganz bestimmt. Vielleicht doch Mehrzahl in "erfüllt flüstern und hecheln die luft"?

    Viele Grüße
    Ralf

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  2. Oh, Gabriele,

    Wie könnte ich all die Worte finden, die Du da gefunden hast, da Du so tiefe Einsichten hast. Ich habe das Gedicht so rasant gelesen, dass ich es als ganz kurz und prägnant empfunden habe.
    An dem Begriff "gamelords" bin ich schließlich hängengeblieben; und es hat mir so viel Einsicht in die Situation vermittelt, in der das Globale und das Lokale so ineinanderfließen!
    Ja, wer ist schlimmer: die Warlords oder die pokernden Gamelords weltweit - weltweit? Sehr eng begrenzt ist auch deren Standort. In unserer reichen Welt!

    Vielen Dank für dieses Gedicht!
    Liebe Grüße
    Helmut

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  3. Ich danke Euch für Eure Gedanken und die Kritik - die Grammatik werde ich ändern, natürlich!

    Dir lieber Helmut vor allem auch für die angestoßene Diskussion, denn die hat mich wieder tief in die Thematik hineingeworfen, bis ich mich nicht befreien konnte, da musste es hingeschrieben werden.

    Bei so einem gewaltigen Thema kann es nicht sein, dass man in allen Aspekten einer Meinung ist, sicherlich nicht, auch mögen uns unterschiedliche Quellen zu verschiedenen Rückschlüssen führen, was die Situation in Afghanistan anbelangt, aber mein Aufhänger hier ist "mein" Krieg am Hindukusch, ist die Tatsache, dass meine Soldaten dort kämpfen und vielleicht sterben müssen, auf dem Opferstock einer fiktiven Zukunft bereitgestellt werden...

    >Nun, das strategische Standbein des Westens in dieser Region habe ich natürlich nicht auch noch hineingearbeitet, aber das ist eben auch ein Teil des GAMELORD-Gedanken-Spiels, das sich mit den anderen vermischt...

    Gabriele

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  4. Monumental und doch so sensibel.
    Danke!
    Gruß
    Petros

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  5. "denn alle kämpfen für die richtige sache" - imo kämpft die überwältigende Mehrheit, weil die Umstände sie dazu zwingen. Auch von den westlichen Soldaten ist inzwischen wohl keiner mehr von der moralischen Richtigkeit des Einsatzes überzeugt. Die Argumente sind nur mediale Blasen.

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