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Montag, 31. Januar 2011

DIE WOLFSSCHANZE

WOLFSSCHANZE
Gabriele Brunsch
...nicht bei der Anreise im Bus, die sich über Stunden von Danzig kommend träge dahinschleppt, nein, erst gegen Ende des Spaziergangs durch die verschlammten Trampelpfade in einer Bewaldung, die einem vernachlässigten Vorstadtpark gleicht, beginnt mir meine schlechte Vorbereitung, meine Ahnungslosigkeit, wie ein übelriechender Spüllappen durch das Bewusstsein zu wischen. Dies soll die Wolfsschanze sein, der Ort an dem sich Hitler drei Jahre lang einnistete. Unbezwingbar, unentdeckt, ein magisches Machtzentrum. Der geheimnisumwobene Lebensraum seiner todesschwangeren tyrannischen Gewaltherrschaft. Hatte meine Erinnerung diesen Platz nicht irgendwo in Brandenburg gespeichert, tief in den moorigen Waldgründen nördlich von Berlin? Zwischen den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen. Dort, wo sich das Grauen letztlich gebündelt hatte, zumindest in meiner Fantasie.
Wer sich einem solchen Ort nähert, sollte präpariert sein, damit sich das aus der unheimlichen Vergangenheit heraufwabernde Geflecht aus historischen Daten, Bildern und Fakten unmittelbar zu ahnungsvoller Beklommenheit verdichten kann. Jeder Schritt sollte bleiern beschwert sein von den Hassstürmen und Verwünschungen, die den Platz heimsuchen.
Doch nichts ist spürbar, keine dunkle Befremdlichkeit beschleicht mich, kein dumpfes Flüstern, das den Fluch bis in die Seele spürbar macht. Nichts. Kaum eine Stunde stolpere ich über Baumwurzeln, nehme ich überwucherte Betongiganten im Gehölz wahr, taste ich mich mit der heiter plaudernden Gruppe durch kurze Höhlengänge, hindurch zwischen planlos zerwürfelten Bunkerwänden. Der Eindruck, die Wanderung hin zu einer handvoll Bunkerresten und einer Kasinoruine sei ein Missverständnis in der Organisation, macht sich breit. Aber nein, dies ist doch eigentlich das Ziel der Reise gewesen. Scham.     
Ein örtlicher Historiker führt uns. Graumeliert sein Haar, olivefarbene fahle Haut und fahle Augen, nicht der große, blonde, blauäugige Pole mit der freundlichen Zurückhaltung. Ich erfahre nur Dinge, die mir allesamt bekannt sind, deren historische Brisanz ich allerdings mit diesem sonderbaren Waldstück, kurz vor der ehemals litauischen Grenze, nicht in Einklang bringen kann. Die Trostlosigkeit des Ortes mag auf diesen Mann abgefärbt haben. Im Stakkato tut er kund, dass man wohl mindestens zwei Wochen benötige um diesen Platz zu besichtigen, um die Zusammenhänge zu verstehen, aber so lange wolle sich niemand Zeit nehmen, das wisse er. Diese Erkenntnis und die vielleicht tausendfach aufgefalteten müden Gesichter mögen ihn restlos desillusioniert haben, denke ich, und nun vollzieht er die Führung wie eine Art Flucht vor seinem eigenen Entschluss, sich dieser Sache angenommen zu haben. Er hat ein Buch verfasst, hin und wieder hält er es hoch und deutet auf ein besonderes Detail auf Seite Soundso. Doch wie die ausgedehnte Bunkeranlage hinter Wald und Bäumen verborgen bleibt, so vage erweisen sich die Bilder auf den rasch wieder zusammengeklappten Buchseiten. Angestrengt lausche ich seinen quäkend gezischten zynischen Witzen, deren Pointen er mit süßlichem Lächeln ausspuckt. Nur die ganz  nah bei ihm Stehenden können sie hören. Ob sie verstanden werden ist schwer zu sagen. Ohne eine Reaktion abzuwarten macht er sich sofort mit eiligen Schritten auf den Weg. Es gibt wirklich nicht viel zu sehen, lacht er. Aber Goldsucher hätten überall Löcher tief in den Waldboden hineingegraben, man habe sogar den Asphalt der Wege abgetragen, weil darunter Schätze vermutet wurden, das Zimmer aus Bernstein vielleicht, aber ohne Ergebnis, wie man weiß. Anfänglich seien mehr als zwanzigtausend Menschen irgendwie mit diesem Hort der absoluten Sicherheit in den Jahren 1940 bis 1944 beschäftigt gewesen, alles streng geheim, immerhin an die 100 größere Gebäude seien es gewesen, kleine Dörfer in Sperrzonen. Hier Hitlers persönlicher Bunker, der größte. Dort irgendwo der von Göring. Ein Arsenal an SS-Einheiten, NSDAP-Größen, Wachpersonal und Kontrolleuren, die das Gebiet rundum zur sicheren Zone machten. Dazu Architekten, Ingenieure, ihre Büros, Bautrupps, die Versorgungseinheiten, Heizanlagen, Stromversorgung, Küchen, Badestuben, Saunen, das dazugehörende Personal, Putzkolonnen, Wäschereien. Eine Bahnlinie direkt nach Berlin, zwei Flughäfen, eine Telefonleitung. Das alles im Verborgenen, denn man hatte je nach Jahreszeit Lichtschutzplanen über die Wege und Häuser gespannt um sich gegen das Ausspähen von feindlichen Flugobjekten zu schützen: Sommers wie winters Schattenwelten.
Wie ist wohl die Stimmung des großen Führers, wenn er sich in diesem geschlossenen Areal, einer männlichverklärten von unschuldigem Kinder- und Frauenlachen gesäuberten Zone, mit straffer Körperhaltung von hier nach da begibt? Was fühlt er in künstlichem Licht unter meterdicken Mauern, wenn er nur seinem eigenen Atem ausgesetzt ist und seinem eigenen Schweißgeruch, während sich seine Soldaten von seiner Radiostimme angestachelt, einer rohen, alles lebendige verschlingenden Gefahr aussetzen. Wie nimmt er denn von hier die Außenwelt wahr? Wie Land und Städte? Wie die Menschen? Wie seine Soldaten? Sind sie für ihn nicht seelenlose Schablonen, formlose Feldfiguren, die er mit einer eleganten Geste auf einem Spielbrett zwischen den Planquadraten herumschiebt, Sprachen, Grenzen, Kulturen missachtend, um sie dann und wann wütend in die Ecke zu fetzen, wenn ihm die Nachricht von einer neuerlichen Niederlage ins Gedärm zischt und sich der Jähzorn beim Losschreien in Spuckesalven entlädt.
Zu allem Überfluss drangsalieren uns Hunderte von winzigen Stechmücken. Eine sonderbare Ironie. Nicht die grauenerregenden Informationen sind es, die uns schmerzen, nein, die Mücken sind es, die sich auf Handrücken, Stirn und Hals setzen und gnadenlos stechen. Ob die wohl damals auch hier waren? Vielleicht ließ der Führer ja Pestizide über dem Wald versprühen, sagt einer lachend, dass sie mit Gas umgehen konnten, haben sie ja hinlänglich bewiesen. Räuspern. Der Historiker prahlt, er habe ein Mückenspray. Er führt uns zielsicher auf sein Auto zu, dessen Heckklappe er schwungvoll öffnet. Mein Blick fällt auf mehrere Stapel seines Buches, das er zum Verkauf anbietet. Im Hintergrund steht ein abgelebter Bau mit einem verlassenen Café und schickt den spitzen Geruch eines Pissoirs herüber. Das stehe ich noch durch.

...jetzt bei der Rückreise im Bus, die sich über Stunden bis Stettin träge dahinschleppt, ja, jetzt unter den düstersten Regenwolken und der vorbeihuschenden malerischen Masurenlandschaft, beginnt mir meine schlechte Vorbereitung, meine beschämende Planlosigkeit, wie ein fetter, unverdaulicher Fraß übel gegen die Magenwände zu stoßen. Dort ist die Wolfsschanze, der Ort an dem sich Hitler drei Jahre lang einnistete. Unbezwingbar, unentdeckt, das magische Machtzentrum. Der geheimnisumwobene Lebensraum seiner todes-schwangeren tyrannischen Gewaltherrschaft. Der Ort, wo sich einst all das Grauen bündelte. Dort ist jetzt das verbliebene Substrat seines tausendjährigen Reiches: Eine Ansammlung hässlicher Betonkolossreste, Wohnstatt eines pervers Paranoiden und seiner entmenschlichten Gefolgschaft.
Wer Angst säht, wird Angst ernten.
Er hatte Orkane von Angst verbreitet, unter Millionen von Feinden und Freunden, und hatte, bereits lange bevor der Ausgang seiner angezettelten Stürme sichtbar wurde, begonnen dieses Refugium für sich zu bauen. Die riesenhaften Betonmauern waren bleierne, stille Gruften, tot für die Schmerzensschreie der Welt. Schmerzensschreie gab es dort im Nordosten Polens und dem annektierten Litauen mehr als anderswo, weil die Säuberungsaktionen hier landauf landab ganze Dörfer dahinmetzelten, Männer, Frauen und Kinder gar nicht erst abtransportierten, sondern direkt in die Grube stießen. Hieran sehe ich die ganze Perversität dieser Herrschertruppe erneut auf den Punkt gebracht: Tief im Inneren waren sie sich ihrer Abartigkeit, ihrer widerwärtigen, verqueren Monstrosität bewusst und fügten das Verkriechen in die Unsichtbarkeit von Anfang an in ihre Planung mit ein. Als ahnten sie im Voraus, dass sie sich so weit an der Welt vergangen hatten und noch vergehen würden, dass sie sich sogar vor sich selbst würden verbergen müssen in einer fensterlosen, von Myriaden von Minen und Schutzwällen verbarrikadierten kalten Welt aus kahlen, glatten, bis zu acht Meter dicken, von Stahlstreben verstärkten Betonplatten. Welch Lebensart! Welch Ästhetik! Welch Mentalität! Den Kopf einziehen und sich verkriechen, weitab von den Schreien und dem elenden Dahinsiechen der Sterbenden, doch auch beseelt von der schizophrenen Vorstellung, dass man sich verbergen könnte, weil doch die unzähligen Blätter des Waldes, die echten und die unechten, symbolhaft für heldenhafte Unverletzbarkeit stehen, für tausend Jahre und ein Leben...  

3 Kommentare:

Rachel hat gesagt…

Liebe Gabriele,

ich habe es nun schon mehrere Male gelesen, weil es fasziniert. Ein anderes Wort fällt mir dazu nicht ein. Besser kann man Erlebtes und den Umgang damit nicht beschreiben.

Ich atme flach beim Lesen, weil alles, was wir darüber erfahren haben, hoch kommt...

Deine Überlegungen dazu - ich hoffe, sie reichen bis dorthin, wo Hitler noch immer im Fegefeuer schmort, denn solch einen Menschen bekommt man einfach nicht *klein*.
Er steht im Vordergrund nach Jahren noch, weil diese Abscheulichkeiten so krass sind.

Danke für deine Überlegungen, dein Hervorheben aus Originaltiefen..

herzlichst, Rachel

LadyArt hat gesagt…

...danke, liebe rachel, für deine ausführlichen gedanken zu meiner kurzgeschichte. dass ich dich mit meinen worten so berühren konnte, das freut mich natürlich sehr, es ist gar nicht so leicht, mit diesem thema noch menschen wirklich zu erfassen...

mein anliegen war genau das...

veredit hat gesagt…

liebe gabriele,

soghaft zieht mich der spannungsgeladene faden immer tiefer in deine grandiose kurzgeschichte hinein, lässt mich in für mich selbst überraschender weise teilhaben, miterleben und nachfühlen. ich lebe in unmittelbarer nähe zu bergen-belsen und die monstrosität dieses krieges ist immer ein teil meines lebens gewesen, ebenso wie der erstaunliche umgang derer, die es leibhaftig miterlebt haben.

oh ja, ich hoffe auch, dass all diese ungeheuer, die du so treffend beschreibst bis in alle ewigkeit ebensolchen höllenqualen ausgesetzt sind, wie sie sie ihren millionenfachen opfern zugedacht haben.

ich danke dir sehr für diese konfrontation und umarme dich aus ganzem herzen

isabella