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Deutsches LiteraturArchiv Marbach

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Donnerstag, 20. Januar 2011

...ankunft in wien...






...bin in wien angekommen, bei der nacht. es ist bitterkalt, frost durchzieht mich, ich fühle mich elend und verloren. vom bahnhof fahre ich mit dem taxi nach "hietzing", da ist die wohnung meiner verwandten, am XXXplatz, wenige meter neben dem EKZ solle ich nur den durchgang nehmen und dann geradeaus, etwa hundert meter auf der rechten seite, ich könne es nicht verfehlen.
der taxifahrer hat mich wortlos abgesetzt.
nun stehe ich da mit klopfendem herzen und einer erwartungsvollen spannung.  meine einzige verwandte in wien ist gestorben, am kommenden tag wird die beerdigung sein. mir ist etwas übel, ich habe hunger und durst und fühle mich benommen, alles ist ein wenig viel mit einem mal, denke ich, und ich frage mich erneut, ob es wirklich so eine gute idee war hier her zu fahren. aber, die letzte ehre, sie ist es doch, die ich ihr entgegen bringen will. wenn wir schon im leben keinen kontakt hatten, so will ich ihr doch im tode wenigstens zeigen, dass meine einst kindliche verehrung für die in der ferne langsam immer fremder gewordene freundin, trotzdem unvermindert bestand gehabt hatte.
gleich werde ich die verwandten treffen, die alle von weit her gereist sind, die ich jedoch schon viel zu lange nicht gesehen habe um auch nur einen hauch an vertrautheit oder so etwas wie wiedersehensfreude zu empfinden...
ich weiß, ich fürchte mich. auch die umstände des todes sind so traurig, dass man weinen könnte. so halte ich die tränen mühsam zurück und versuche auch meinen atem im zaum zu halten.
mein gepäck besteht aus einem winzigen reisekoffer und einer handtasche.
 ich stehe im kegel künstlicher lichter mitten auf dem platz und drehe mich im kreis - ich bin seit meiner kindheit nicht mehr in wien gewesen, nur noch als durchreisende mit dem zug in richtung pressburg oder budapest. aus irgendwelchen gründen hat es sich einfach nicht ergeben die plätze und menschen meiner kindheit wieder aufzusuchen. unsere leben waren auseinander gedriftet und an verschiedenen orten weitergegangen ohne wieder bezug zu einander zu nehmen.
nun drehe ich mich an diesem platz mitten in hietzing herum und lausche in die stadtgeräusche hinein, tief in mir rauscht aber immer noch das rhythmische monotone brummen des zuges. den letzten teil der reise habe ich tief geschlafen und irgendwie ist die unsicherheit in meinem körper immer noch so, als sei ich aus diesem schlaf noch nicht wirklich aufgewacht...
wo gehe ich jetzt hin. wie finde ich meinen weg. meine knie zittern. ah, da ist ein gasthaus, da werde ich hineingehen, mich ein wenig beruhigen, ich werde mir eine kleinigkeit zu essen und zu trinken bestellen und dabei nach dem weg fragen. so werde ich kraft tanken und nicht so verhungert bei den verwandten hineinschneien, die, wer mag es wissen, vielleicht sogar nur noch eine notwache für die späten gäste eingerichtet haben. was weiß ich schon.
ich überquere den platz und steige die treppe hinauf zum lokal. die meisten tische sind besetzt, es herrscht eine angeregte atmosphäre. als ich mich an der bar niederlasse, kommt auch gleich der kellner und nimmt meine bestellung auf. leider gibt es nichts mehr zu essen, da sei ich viel zu spät dran, sagt er, aber zu trinken könne ich schon etwas haben. natürlich, einen wein, ein bier, was immer ich wolle. während ich nachdenke, beginnen drei männer, die auch an der bar sitzen, meine nachdenklichkeit zu diskutieren.
ja, das ist ja wohl net so schwer, sich zu entscheiden, was man trinken wolle, aber an der stimme hätten sie ja sowieso schon gleich gemerkt, dass ich fremd sei, aus deutschland.
es geht eine sonderbare diskussion los. ich lächle etwas unbeholfen in ihre richtung, tue aber ansonsten nichts, was sie einladen könnte weiter mit mir reden zu wollen. mir ist nicht nach kontaktaufnahme. ich nehme mir vor die herren zu ignorieren. ich bestelle ein bier. ah, ein bier bestellt sie, na so was, das hätte er jetzt nicht gedacht, sagt der eine, er hätte auf wein getippt, aber das sei ja wieder typisch, vom guten wein aus dem schönen oberösterreich hätten die deutschen natürlich keine ahnung.... und auch jetzt spricht er laut und deutlich, auch die leute an den ersten tischen um uns herum blicken her, schauen auf mein bier und auf mich, auf meine reisetasche und es scheint so, als sei sein kommentar etwas, was so durchaus üblich ist. ich nippe verlegen an meinem bier.
schmeckt wohl nicht, sagt der eine, hab ich gleich gesagt, das schmeckt ihr nicht, hätt sie doch wein trinken sollen. kommt in der nacht ins lokal und kriegt das maul nicht auf. na arrogant ist sie wohl gar nicht.
so geht es weiter. meine verunsicherung nimmt zu, das zittern meiner knie hat sich auch verstärkt, der alkohol schießt mir in den kopf und ich bin mir sicher, dass ich dieses bier nicht austrinken werde. ich werde mich lieber gleich wieder auf den weg machen. auch mein wunsch jetzt schon zu zahlen wird heftig zur kenntnis genommen. er hätte doch gedacht, dass ich noch ein wenig bliebe, aber ich kriege ja kaum die zähne auseinander, da können sie auch ganz gut auf mich verzichten... ich denke ich höre nicht recht. was habe ich ihnen denn getan, was an mir, an meiner eleganten, schwarzen winterkleidung gibt anlass, mich so zum objekt ihres spottes hinzubiegen. ich lächle unsicher, steige von meinem barhocker runter, nehme mein gepäck, knöpfe meine jacke zu und will gehen. da wende ich mich schnell noch einmal dem kellner zu und schiebe ihm meinen kleinen plan hin. Leise bitte ich ihn mir zu sagen, was denn unter EKZ zu verstehen sei. der platz hier sei schon richtig, aber ich muss ja am EKZ vorbei und ... 
doch weiter komme ich nicht mehr. der mann, der auch vorher immer am lautesten war, schreit mit einem so einladenden ton los, dass das ganze lokal ohne umschweife den kopf in meine richtung wendet: „d i e   weiß ja nicht einmal was ein EKZ ist.  E K Z!!! na so blöd kann ja jetzt wohl niemand sein, ja, kommt die vom mond?“ die gäste im lokal lachen, sie lachen laut. mir steigt das blut in den kopf. der kellner deutet durch das große fenster auf die andere straßenseite, wo in riesigen lettern die buchstabenkombination  E K Z   über einem schaufenster prangt und lächelt etwas verlegen. als ich mit glühenden wangen völlig aufgelöst aus dem lokal stolpere, höre ich noch, wie sich das lachen der drei an der bar mit der allgemein gehobenen stimmung im lokal mischt und ich kann immer noch die worte dummheit, arroganz und mond deutlich heraushören.
auf der anderen straßenseite merke ich dann, dass EKZ eine abkürzung für einkaufszentrum ist und dass ich eigentlich wirklich nur wenige meter vom ziel entfernt bin. da ist unter einer laterne eine kleine bank, auf diese setze ich mich schnell und versuche mich erneut zu beruhigen. das ist also der auftakt zu einem ohnehin schon unseligen ereignis in wien, der stadt, die ich mir immer wie ein traumziel, wie etwas ganz besonders wertvolles aufgespart hatte...
alles kommt anders als man denkt.
was wird noch kommen, später, ich mag es gar nicht durchdenken. ich schließe meine augen und bleibe eine ganze weile auf dieser bank sitzen. viel zu lange. als ich heftig zu frieren beginne, spüre ich, dass meine knie nicht mehr zittern, auch meine wangen glühen nicht mehr, aber ein gefühl der absoluten lustlosigkeit hat sich in mir ausgebreitet und nur die tatsache, dass ich zu einem eisblock frieren würde, wenn ich weiter sitzen bliebe, zwingt mich die augen zu öffnen und um mich zu schauen. während ich da sitze, hat es zu schneien begonnen und ein zarter weißer schleier liegt jetzt über gehsteig und asphalt. die flocken fallen wilder.
langsam stehe ich auf, ich bin ganz steif. kein fußabdruck stört die makellose reinheit, auch ist eine sonderbare stille auf den platz gesunken, die grellen lichter des lokals auf der anderen seite sind abgemildert und alle bewegungen hinter der scheibe erscheinen seltsam unwirklich. ich blicke zurück auf die bank, die immerhin eine kurze zeit lang für mich halt und schutz bedeutet hat, und sehe, dass es die tänzelnden schneeflocken schon fast geschafft haben den abdruck meines körpers auf dem schwarzen holz in ahnungslosem weiß verschwinden zu lassen...






Kommentare:

  1. "med ana schwoazzn dintn" - wien, jede stadt hat ihre schwarzen seiten, die einem sich-fremd-fühlenden sehr grell ins gesicht leuchten können.

    ein eindrücklicher text

    grüße von monika

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  2. ich danke dir, liebe monika, dass du dich darauf eingelassen hast, meinen text, den ich gestern so hingeschmissen hatte, zu lesen, und dass er einen eindruck hinterlassen konnte, das freut mich natürlich besonders....

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  3. Ich finde Deinen Text auch sehr eindrucksvoll und habe mich beim Lesen spontan in Deine Situation versetzt und mir überlegt, wie ich reagiert hätte.

    Liebe Grüße
    Barbara

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  4. ...danke, liebe barbara, und, was sagt deine erfahrung, wie hättest du reagiert...???

    neugierig
    gabriele

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  5. Genau wie Du, schnell wäre ich aus dem Restaurant geflohen. Mit Dummschwätzern gehe ich nicht gerne um ;-)

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  6. ...esatto!!!

    grazie

    gabriella

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  7. mir geht es in der Geschichte eigentlich mehr um den letzten Satz, um den fallenden Schnee, der irgendwie für Momente dein DA-SEIN verändert... die Spuren, die Du auf der Bank hinterlassen hast, werden verwischt, ausgelöscht, was bleibt von dem Moment der Ruhe ... Kälte in den Gliedern und eine einsame Lustlosigkeit ... letztendlich aber hervorgerufen durch ein LIEB-LOS-igkeit der Gäste im Lokal .. irgendwie spannend diese Geschichte ... lieben Gruß Ursa

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  8. ...danke, liebe ursa, du hast es gesehen, es geht mir eigentlich um die bedeutung des menschen überhaupt. ihre reise, ihr ankommen, ihr willkommen da drüben, ihre wenige erinnerung an ihre verwandte, an die anderen verwandten, die sich ja auch nicht an sie erinnerten, sie waren einander alle fremd, und dieses bewusstsein wurde hier, durch das auslöschen ihrer spur auf der bank in wenigen sekunden sichtbar...
    sicherlich, sie war hier fremd, sie würde es auch bleiben, und nur die erinnerung würde bleiben, und die geballten elends- und schamgefühle, die sich dann in diese lustlosigkeit mit eisiger kälte umwandelten...

    danke für dein kommen und lesen...
    gabriele

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  9. liebe Gabriele,

    fremd -sein in jeglicher hinsicht, in der situation, in der stadt, im lokal (mit spürbarer ausländerfeindlichkeit ) das herabsetzende DIE ...(sie weiß noch nicht einmal, dass.... u.ä.) diese geschichte ist dermaßen intensiv in allem (im grunde genommen von leere bis fülle (was die v o l l e einsamkeit anbelangt) alles drin ... Gabriele, selten so etwas gelesen, was die gefühle in der gesamtheit so anspricht , wie diese auseinandersetzung mit einer unglaublich belastenden situation ... fast jeder satz beinhaltet eine tiefe aussage zum leben ... vielleicht wiederhole ich mich, aber-, diese geschichte zeigt so viel auf, dass ich noch nicht fertig bin mit meiner betrachtung .. lg ursa

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  10. liebe gabriele,

    habe dazu ein antwortgedicht auf meinem blog .. lg ursa

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  11. Du Liebe,

    und meine Fantasie schlug natürlich gleich Purzelbäume, ich dachte vorwärts, kommst du dort an, macht einer von den Thekenmännern dir die Tür auf, lächel...

    und dann, im Nachhinein, macht es mir ein wenig Angst, diese Reaktionen von Männern auf eine Frau...will mir gar nicht ausmalen wie sie reagiert hätten, wenn du nicht deutsch gesprochen hättest...

    sind wir Menschen so abgestumpft den Mitmenschen gegenüber? Was reißt so runter, dass zu solch kleiner, versteckter Gewalt gedacht wird?

    Ob ich so mutig gewäsen wäre, mich dort in der Nähe noch auf eine Bank zu setzen, ich glaube nicht...

    Gabriela, danke für solch zeitbezogen Erlebtes, was so gut nachvollziehbar ist...

    von Herzen LG, Rachel

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